Kommentar zum Buch von Dr. Jan Bürger: Der gestrandete Wal- Das maßlose Leben des Hans Henny Jahnn, Aufbau-Verlag 2003 geschrieben von Dr. phil. A. Groß
Die Rekapitulation und Erläuterung eines Menschenlebens ist schwer, wenn nicht unmöglich zu bewerkstelligen, erst Recht bei einer so komplexen Künstlerpersönlichkeit wie Hans Henny Jahnn. Das wird in diesem Buch überdeutlich. Bürger startet den Versuch, zumindest einige der wesentlichen Motivationen und Zusammenhänge in Jahnns Leben zu ergründen und dem Leser näher zu bringen, vor allem solche, die sich nicht ohne historische und biographische Vorkenntnisse von selbst erschließen.
Es gelingt dem Politikwissenschaftler hervorragend, zeitgeschichtliche Zusammenhänge aufzuzeigen, sowohl in Bezug auf die komplexen politischen Gegebenheiten als auch auf die damit einhergehenden gesellschaftlichen und geistigen Hintergründe. Diese Aspekte machen das Buch zu einer durchaus lesenswerten Lektüre. Leider schreibt Bürger mit der üblichen und etwas langweiligen Distanz eines Wissenschaftlers, analytisch, zuweilen kalt, unbarmherzig – aber auch spekulativ.
Im krassen Gegensatz dazu steht der verfehlte Titel dieses Buches, denn damit suggeriert Bürger eine gescheiterte Existenz, doch Jahnn war alles andere als diese. Er wirkt vor allem durch sein Werk als Schriftsteller und Orgelbauer bis in unsere Zeit hinein, ja, darüber hinaus. Bürger missbraucht Jahnns Begriff vom gestrandeten Wal, den dieser auf die Werke der Genies bezog, keinesfalls auf eine Person oder gar auf sich selbst. Ebenso verhält es sich mit dem Untertitel des Buches, der den Leser durch Assoziationen auf eine falsche Fährte leitet. Erst auf den letzten Seiten des Buches wird deutlich, was es mit dem maßlosen Leben konkret auf sich hat. Alles andere als das herkömmliche Verständnis von einem maßlosen Leben im Sinne des vollen verschwenderischen und ausschweifenden Genusses nämlich hat Jahnn geführt, ein schweres Leben, denn er war maßlos in den Ansprüchen an sich selbst, an seinen Geist und seine Leistungen, in seinen Erkenntnissen und dadurch auch anspruchsvoll im Hinblick auf sein Umfeld.
Man kann den Endruck haben, dass dieser irreführende Titel eher eine Vermarktungsstrategie als eine Gerechtwerdung an einem Menschen ist – eines Literaturwissenschaftlers eigentlich unwürdig. Ein Buch muss sich verkaufen, das kann man Bürger zwar einräumen, weniger dagegen die Tatsache, dass alles nur durch den Verstand gefiltert und analysiert wurde, weniger aber durch das Herz gegangen ist. Mir kommt dazu der großartige Satz von Saint-Exupery in den Sinn: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Wie sehr trifft dieser Satz gerade auf eine so großartige Künstlerpersönlichkeit wie Hans Henny Jahnn zu, der sich selbst an seiner Herzenswärme und Barmherzigkeit verzehrte.
Wenn sich unsere Wissenschaftler ein wenig mehr daran orientieren könnten, dann besäße auch unsere Gesellschaft mehr Wärme und Lebensqualität, schlichtweg: Mehr Menschlichkeit. Bürger entgeht somit leider das Wesentliche, er prallt an Jahnns Wesen ab, letztendlich verfehlt er ihn. Und damit komme ich zu dem wesentlichen inhaltlichen Irrtum dieses Buches: Bürger hat die Harmonik nicht rezipiert, sonst könnte er auf seine fatalen Rückschlüsse, Fehleinschätzungen und Irrtümer nicht kommen, die er aus seiner Sicht konsequent auf Jahnn projiziert; in der Tat sind es aber seine eigenen. Der inflationäre Gebrauch des Begriffs Obsession ist signifikant und immer dort zielsicher zu finden, wo Bürgers theoretischen Konstrukte versagen. Immer wieder versucht sich Bürger in hilflos und zeitweilig etwas naiv anmutenden Erläuterungen zu Jahnns harmonikalem Weltbild, macht dies an seinen Werken fest, verfehlt aber Mangels Kenntnis der harmonikalen Grundlagen den Kern der Dinge und gerät zwangsläufig ins Spekulieren, sehr abenteuerlich zuweilen und amüsant für den wissenden Harmoniker, traurig aber für Jahnn, der diese Dinge ja nun posthum nicht klären kann.
Wenn Bürger eines der für Jahnn so entscheidenden Schlüsselwerke, z. B. „Der hörende Mensch“ von Hans Kayser studiert hätte, wäre der Umfang seines Buches auf die Hälfte der Seiten zusammengeschrumpft, und er hätte auch das letzte Drittel des Lebens Jahnns dort hervorragend untergebracht, denn das Buch ist auch in dieser Hinsicht unfertig.
Abenteuerliche Auswüchse gebiert zuweilen die Verwechslung der Begriffe harmonisch und Harmonik. Interessant und auch treffend sind einige der Interpretationen Jahnns literarischer Werke immer dann, wenn die Harmonik nicht unmittelbar sondern nur hintergründig Gegenstand des Werkes ist, so z. B. das frühe Drama „Pastor Ephraim Magnus“. Jahnn hält der Gesellschaft einen Spiegel vor, und Bürger arbeitet diesen und weitere Aspekte gut heraus. Sehr gewagt indessen wirken Äußerungen zu den geistigen und gesellschaftlichen Hintergründen Ugrinos. Dies hängt aber ebenfalls mit Bürgers Unkenntnis des harmonikalen Weltbildes zusammen, insofern kann man diese Kapitel getrost überschlagen ohne etwas zu verpassen.
Die Reduktion des geistigen Hintergrundes Ugrinos auf die romantisch orientierte Mittelaltersehnsucht der Jugendbewegung durch Bürger wirkt geradezu lächerlich bei solch einem hochintelligenten Menschen wie Jahnn, hingegen hat er die Loslösung Jahnns vom Traditionschristentum anhand seines Romanfragmentes „Ugrino und Ingrabanien“ gut dargestellt, legt auch deutlich dar, dass Jahnn Zeit seines Lebens ein eigenes Gottesverständnis hatte, das allerdings wenig gemein hatte mit dem personalen christlichen Gottesbild. Er wollte durch Ugrino Kunstwerke erstellen und schützen, ebenso Künstler fördern, da er der Kunst den Rang einer ethischen Vorbildfunktion einräumte, fern einer bestimmten theistischen Dogmatik. Ugrino war in Wahrheit eine Künstlergemeinschaft, nicht eine Glaubensgemeinschaft, wurde von Jahnn nur als solche deklariert und beim Berliner Registergericht angemeldet, weil er sonst seine Vorstellungen für Bestattungsrituale nicht hätte durchsetzen können, denn dies war einzig das Privileg einer Religionsgemeinschaft. Diese Zusammenhänge werden bei Bürger nicht einmal ansatzweise deutlich. Wiederum riskant sind Spekulationen Bürgers, die in die Richtung von Antisemitismus bis hin zu latentem Sympathisantentum mit dem NS-Regime gehen. Immerhin räumt er aber hier Interpretationsfehler ein, vermutlich hat er selbst schon während des Schreibens gemerkt, dass er sich gründlich vergaloppiert hat. Bürger weiß wohl doch zu gut, dass kaum ein anderer neben Jahnn so vehement gegen die braune Regierung im Rahmen seiner Möglichkeiten widerstanden hat.
Es scheint für Bürger, der analytisch wissenschaftlich zu denken gewohnt ist, völlig ausgeschlossen, dass ein Mensch wie Jahnn, der durchaus nicht in alle Machenschaften der braunen Regierung Einblick hatte (Bürger hat als Politikwissenschaftler aus seiner heutigen Perspektive leichtes Spiel), sich schlichtweg die Grausamkeiten dieser Machthaber nicht erdenken konnte und dann natürlich Vorgänge wie Bücherverbrennungen und Zensur zunächst heftiger anprangerte als Judendeportationen. Jahnn wusste zwar, und darunter litt er ja gerade so sehr, zu welchen Grausamkeiten Menschen generell fähig sind; aber als die Bücherverbrennungen stattfanden (seine eigenen waren nicht dabei) hatten die Deportationen gerade erst begonnen, und er ahnte mit Sicherheit zu dem Zeitpunkt noch nicht das Ausmaß dieser Unmenschlichkeit.
Wie unwissend Jahnn wirklich in diesen Dingen war wird deutlich dadurch, dass er sich oft genug immer wieder wegen verhältnismäßig unwichtiger Dinge aus dem Exil nach Deutschland begab und dabei jedes Mal riskierte, selbst deportiert zu werden. Er war sich erst relativ spät einer Gefahr in dieser Richtung bewusst. Erstaunlicherweise bringt Bürger diese Zusammenhänge dann später auch, aber man fragt sich, weshalb der Leser hier erst auf eine falsche Fährte gesetzt wird.
In anderen Kapiteln gibt es ähnliche Ausfälle. Bürger nimmt kurz Bezug auf Jahnns Hormonversuche im Rahmen dessen landwirtschaftlicher Tätigkeit. Aus der angeführten Quelle im Anhang wird deutlich ersichtlich, dass Jahnn sich gegen den Begriff des Hormonforschers für seine Person verwahrt hat, sich lediglich als Experimentator verstand. Dass er in späteren Jahren Untersuchungen mit menschlichem Urin durchführte, wird dann von Bürger allerdings erstaunlicherweise nicht mehr den seriösen Experimenten zugeordnet, obwohl diese Versuche nur eine logische Fortsetzung der Tier-Urin-Experimente waren, in denen Jahnn biofunktionelle Zusammenhänge erkannte und Rückschlüsse zog. Die Untersuchungsergebnisse resultierten zunächst aus Experimenten mit Stuten- und Rinder-Urin. Leider war Bürger offensichtlich nicht bekannt, dass die moderne Hormonforschung die Experimente Jahnns mittlerweile längst dadurch bestätigt hat, dass die Pharmaindustrie das Medikament Presomen als das Mittel der Wahl auf den Markt gebracht hat – ein Hormonpräparat aus Stutenurin- das Millionen von Frauen zur Erleichterung des Klimakteriums verwenden. Insofern dürften sich in Zukunft die üblen Diskussionen um Jahnns Seriosität in Sachen Hormonforschung wohl ein für allemal erübrigen.