Dr. med Max Reinhard Jaehn und seine Schläge unter die Gürtellinie
Haltlose Unterstellungen als Totschlagargumente und Verunglimpfungen in zwei wissenschaftlichen Publikationen
Von Zeit zu Zeit tauchen im Rahmen wissenschaftlicher Publikationen sogenannte Fachtexte auf, die in ihrer Beweisführung und in ihrer Wortwahl mehr als fragwürdig erscheinen, zumal unter dem Aspekt der Wissenschaftlichkeit.
Zwei Vorfälle der jüngeren Zeit betreffen – wieder einmal – Dr. med. Max Reinhard Jaehn (ein ehemaliger Hamburger Amtsarzt), diesmal in zwei Artikeln in der „Acta Organologica“, Bd. 29, S.387 ff. und AO, Bd. 30, S. 369. Es geht um eine angebliche Phantasterei Jahnns über die Orgel der Stiftskirche zu Bützow. An beiden Beispielen wird deutlich ersichtlich, wie selbst in Druckwerken, deren Herausgeber im Allgemeinen für Gründlichkeit und Objektivität stehen, Meinungen und Privateinschätzungen als angebliche Fakten an den Mann gebracht werden. Ironischerweise ist dies genau das, was Jaehn Hans Henny Jahnn in beiden Fällen vorwirft. Die Unwahrheit wird durch ständiges Für-Wahr-Lügen nicht wahrer. Der Herausgeber beider Bücher, Herr Professor Alfred Reichling, redet sich damit aus der Affäre, dass der Verfasser und nicht er selbst als Herausgeber die gesamte Verantwortung dafür trage. Der Henker ist also unschuldig am Tod des Gehenkten, nur der Richter ist schuld; eine merkwürdige Moral, die einem irgendwie bekannt vokommt.
Dr. Max Reinhard Jaehn, der sich seit Jahrzehnten aus Interesse, nicht beruflich, mit Fragen der Orgelhistorie befasst, ist inzwischen dafür bekannt, dass er ein echtes Problem mit Hans Henny Jahnn hat. Die Gründe dafür sind klar. Beide haben etwas Entscheidendes gemeinsam: Sie sind Autodidakten in Sachen Orgel. Jahnn war aber von visionärem Genie beseelt. Spießbürgerlicher Kleingeist und Bürokratendenken hingegen waren ihm ausdrücklich zuwider. Die Aversion Jaehns ist vermutlich in einem (unbewussten) Neid und Missgönnen der Fähigkeiten, der geistigen Freiheit und der ideellen Erfolge Jahnns zu suchen. Anders sind seine verbalen und argumentativen Ausfälligkeiten für uns nicht zu deuten. Sie sind in Jaehns Schriftwerken nur in Bezug auf Jahnn derartig augenfällig. Er verstößt damit eindeutig gegen StGB § 189 (Verunglimpfung des Ansehens Verstorbener).
In seinen benannten Texten fährt Jaehn bezeichnender Weise ganz ähnliche Geschütze und Argumente auf, mit denen Hans Henny Jahnn schon von seinen nationalsozialistischen zeitgenössischen Gegnern in einem Pamphlet (Th. Herzberg, 1933) denunziert wurde. Jaehn stempelt Jahnn kurzerhand zum Geisteskranken. (>ständig durchbrechende, pathologisch zwanghafte Ausgestaltung (pseudologia phantastica)< , >Jahnns Veranlagung zur pseudologia phantastica< , >zwanghaft phantastische Aufbereitung der eigenen Vergangenheit<). Das Ganze geschieht z. Teil mit demselben Wortlaut in beiden Bänden. Witzigerweise beruft er sich sogar noch im Quellenhinweis auf seine eigene Schreibe. Dass Jaehn durch den Begriff "Veranlagung" Jahnns gesamte Blutsverwandtschaft gleich mit ins Boot der Psychopathen nimmt, ist ihm möglicherweise nicht einmal bewusst (Danke für die Blumen an dieser Stelle!).
Jaehn ist offensichtlich weiterhin völlig unbekannt oder zumindest nicht präsent, dass Jahnn ein Schriftsteller mit umfassendem Oeuvre war und er dadurch natürlich auch biographische Aspekte wie Jugenderlebnisse rund um die Orgel entsprechend schriftstellerisch verarbeitet hat. In seiner Eigenschaft als Schriftsteller war Jahnn selbstverständlich kein exakter Wissenschaftler; diese Annahme wäre völlig absurd. Schriftstellerei ist eine Kunst und keine Wissenschaft. Die wenigen überlieferten Orgeltexte mit explizit wissenschaftlichem Anspruch, die Jahnn verfasst hat und die auf uns gekommen sind (die meisten hat er aus Sorge um einen Missbrauch seines geistigen Eigentums durch die Nationalsozialisten vor seinem Exil nach Dänemark vernichtet), nehmen auf die Fragen, die Jaehn erörtert, überhaupt keinen Bezug. Jahnn war nie penibler Erforscher irgendwelcher Orgellandschaften (was Jaehn ihm aber in den Mund legt), hat auch dies niemals im wissenschatlichen Sinne für sich in Anspruch genommen, sondern hat für seine Forschungen, die sich vor allem mit dem Klangmaterial früh- und vorbarocker Orgeln befassten, bestimmte Dispositionen abgeschrieben und analysiert, um diese weiter zu entwickeln, und um dadurch einen zeitgemäßen Orgelbau voran zu treiben. Jahnn war ein interdisziplinär tätiger Künstler, aber kein bürokratischer Stadtschreiber in Sachen Orgel. Auf diesem Gebiet, das er lieber den Archäologen und Museumshütern überließ, hatte er keinerlei Ambitionen. Allein aus dem Umstand, dass heute keine Archivalien aufzutreiben sind, entnimmt Jaehn die Behauptung, dass Jahnn überhaupt keine Orgelerhebungen gemeinsam mit Erwin Zillinger unternommen habe - ein wissenschaftlicher Kurzschluss ersten Grades.
Die infamste aller Unterstellungen aber, die Andichtung einer „pseudologia-phantastica“, also einer geistigen Erkrankung, die zwanghaftes Lügen und Hochstapeln mit sich bringt und den Erkrankten darüber hinaus nicht mehr zwischen Fantasie und Realität unterscheiden lässt, stellt damit nicht nur das gesamte Lebenswerk Jahnns mit einem Schlag in Frage und stempelt ihn zum Geisteskranken. Sie demontiert darüber hinaus jeden künstlerisch tätigen Schriftsteller, der keine historisch-authentischen Texte verfasst sondern Fiktion und Wirklichkeit geschickt und spannend miteinander kombiniert - das Ende aller Kunst, denn weitergreifend heißt dies nichts anderes, als dass nicht nur jeder Text, sondern auch jedes Gemälde, jede Plastik, jede künstlerische Äußerung überhaupt nichts anderes sein darf als eine geklonte Wiedergabe der Realität, alles andere ist dann entartet – pathologisch eben. Die Tatsache, dass Jaehn audrücklich Jahnns Werk "Fluss ohne Ufer" im zweiten Anlauf (Bd. 30) hiervon ausnimmt, ändert nichts an der generellen Unterstellung, denn Jahnns schriftstellerisches Oeuvre rund um die Orgel umfasst weit mehr, aber damit hat Jaehn sich vermutlich niemals auseinandergesetzt.
Man fragt sich Angesichts derartiger Ungeheuerlichkeiten, wer sich hier eigentlich tatsächlich auf seinen Geisteszustand untersuchen lassen sollte ....
Henny Jahn